Angenommen, zwei Bereiche bewerten in einem Resilienzworkshop dasselbe Szenario unterschiedlich: Während der eine eine Unterbrechung für beherrschbar hält, erwartet der andere erhebliche Einschränkungen. Bevor daraus eine gemeinsame Bewertung abgeleitet wird, ist zu klären, auf welchen Voraussetzungen die Einschätzungen beruhen.

Unser veröffentlichtes Working Paper „Bewertung von organisationaler Krisen-Resilienz anhand des Resilienzrisikoreifegrades“ (Rico Kerstan und André Röhl, Northern Business School, 1/2025) beschreibt einen qualitativen und kontextabhängigen Bewertungsansatz. Der Resilienzrisikoreifegrad ordnet qualitativ ein, wie eine Organisation auf betrachtete Krisen vorbereitet ist; er ist kein universeller Leistungsmesswert. Da die Ergebnisse von den eingebrachten Kenntnissen und Einschätzungen abhängen, benötigen sie eine fachliche Konsolidierung und Plausibilisierung durch die Beteiligten.

Meine Empfehlung lautet, abweichende Bewertungen zunächst als unterschiedliche Annahmen zu bearbeiten. Eine Person rechnet möglicherweise mit verfügbarer Ersatzkapazität. Eine andere geht davon aus, dass dieselbe Ressource im betrachteten Szenario ebenfalls ausfällt. Solange diese Voraussetzungen nicht sichtbar sind, verhandelt die Gruppe über Zahlen, obwohl sie verschiedene Situationen beurteilt.

Die Moderation sollte deshalb zu jeder erheblichen Abweichung den betroffenen Ablauf und die angenommene Ressource erfassen. Anschließend wird gemeinsam geprüft, ob beide Einschätzungen dasselbe Ereignis und denselben Zeitraum betreffen. Erst danach kann die Gruppe einen konsolidierten Befund formulieren. Bleibt eine Voraussetzung ungeklärt, gehört sie als offener Prüfpunkt in das Ergebnis.

Unterschiedliche Bewertungen müssen daher nicht bedeuten, dass ein Workshop gescheitert ist. Sie können einen bearbeitbaren Klärungsbedarf sichtbar machen. Umgekehrt belegt eine schnelle Einigung keine verlässliche Vorbereitung, denn die Beteiligten können derselben falschen Annahme folgen. Für die Aussagekraft des Ergebnisses ist deshalb die Begründung des Befunds entscheidend, nicht die optische Geschlossenheit der entstehenden Darstellung.

Für einen nächsten Resilienzworkshop lässt sich diese Empfehlung begrenzt erproben: Die Moderation wählt eine besonders strittige Bewertung und dokumentiert die zugrunde liegenden Annahmen. Eine benannte Rolle prüft anschließend die entscheidende Ressourcenfrage. Der Folgetermin dient der Neubewertung auf dieser geklärten Grundlage. Auch eine unveränderte Einschätzung kann dann zeigen, welche Abhängigkeit die Organisation noch absichern muss, ohne bereits eine Verbesserung des Reifegrades zu belegen.

Vom Beitrag zur Organisationsfrage

Organisationale Resilienz · KI-Transformation · Führung und Krisenmanagement

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