Den Übungsauftrag vor dem Szenario klären

Eine Krisenübung soll die Beteiligten auf Aufgaben vorbereiten, die unter außergewöhnlichen Bedingungen zu bearbeiten sind. Welche Beobachtungen dafür benötigt werden, hängt zunächst davon ab, welche Fähigkeit entwickelt oder welche Regelung erprobt werden soll. Erschöpfung, sichtbare Aktivität und ein als gelungen empfundenes Ende beantworten diese Frage nicht allein.

Ich empfehle deshalb, bereits bei der Planung festzulegen, welche Fähigkeit entwickelt oder welche Regelung erprobt werden soll. Daraus lassen sich Beobachtungsfragen ableiten, etwa ob widersprüchliche Informationen zusammengeführt, Aufträge eindeutig zugeordnet oder Prioritäten bei knappen Ressourcen begründet werden.

Übertragbare Fähigkeiten im passenden Kontext betrachten

Entscheidungsklarheit, Rollenklarheit und Kommunikation unter Unsicherheit sind für unterschiedliche Krisenszenarien relevant. Ihre Anwendung hängt trotzdem von der Lage ab. Die Priorisierung bei einer Lieferunterbrechung unterliegt anderen Bedingungen als bei einem Personalmangel. Ebenso stellt ein Ransomware-Szenario andere fachliche und zeitliche Anforderungen als ein Lieferkettenausfall.

Das Szenario ist deshalb nicht beliebig. Es muss Bedingungen erzeugen, unter denen die ausgewählte Fähigkeit benötigt und beobachtet werden kann. Die Wiederherstellung eines fiktiven Betriebs kann ein sinnvolles Übungsziel sein. Für die Auswertung ist zusätzlich zu klären, welche Entscheidungen und Abstimmungen zu diesem Ergebnis beigetragen haben.

Belastungsbedingungen dokumentieren

Für die Einordnung des beobachteten Handelns sind unter anderem zwei Planungsgrößen hilfreich. Die strukturelle Komplexität betrifft die Zahl und Verknüpfung paralleler Problemstränge. Die dynamische Komplexität betrifft die zeitliche Folge der Einspielungen, also der Meldungen und Ereignisse, mit denen die Übungsleitung die Lage weiterentwickelt.

Zehn Einspielungen in zwei Stunden stellen andere Anforderungen als dieselben Einspielungen in sechs Stunden. Sind zugleich mehrere Probleme zu bearbeiten, kann sich der Koordinationsbedarf erhöhen. Diese Angaben machen die Übungsbedingungen nachvollziehbarer. Sie erfassen die Schwierigkeit einer Übung jedoch nicht vollständig, da auch Vertrautheit, Informationsqualität, Abhängigkeiten und verfügbares Personal eine Rolle spielen. Ein aus Problemsträngen und Einspielungsdichte gebildeter Index wäre eine Planungshilfe und nicht bereits eine objektive Messung der tatsächlichen Schwierigkeit für jedes Team.

Kriterien und begründete Beobachtung verbinden

Mein Manuskript „Prototype-Based Evaluation of Communication Dynamics in Simulated Crisis Exercises (Germany): A DSR Approach“ (Rico Kerstan, überarbeitete Einreichung vom 12.05.2026) unterscheidet die Erfassung von Kommunikationsaktivität von der Einordnung ihrer strategischen Bedeutung. Zahl und Dauer von Gesprächen machen Aktivität nachvollziehbar. Sie belegen noch nicht, dass das Team das richtige Problem bearbeitet oder den vorgesehenen Empfänger erreicht hat.

Quantitative Angaben können Muster zeigen; qualitative Beobachtungen erklären, wie sie zustande kamen. Beides sollte an den Lernzielen ausgerichtet werden. Eine hohe Zahl von Gesprächen kann beispielsweise intensive Koordination, aber auch wiederholte Klärungsversuche beschreiben. Erst der Bezug zu Aufgaben und Szenario erlaubt eine Bewertung.

Transparente Kriterien helfen, Veränderungen zwischen Durchläufen zu diskutieren. Sie sind nicht die einzige Möglichkeit systematischen Lernens. Auch eine sorgfältige Nachbesprechung einzelner Vorgänge kann zu konkreten Verbesserungen führen. Entscheidend ist, dass der nächste Arbeitsschritt aus einem nachvollziehbaren Befund abgeleitet wird und nicht allein aus dem Eindruck, die Übung sei gut gelaufen.

Für die nächste Übung empfehle ich, Lernziele, Szenarioanforderungen und Beobachtungsaufträge gemeinsam festzulegen. Damit erhält die Nachbesprechung eine klare Grundlage für die Auswahl von Verbesserungen und die folgende Übung eine konkrete Frage, die erneut zu prüfen ist.

→ Wie Rico Kerstan Krisenübungen entwickelt: Leistungen → Methodischer Hintergrund: Denkansatz

Vom Beitrag zur Organisationsfrage

Organisationale Resilienz · KI-Transformation · Führung und Krisenmanagement

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