Unbequeme Auditbefunde sachlich weiterbearbeiten
Auditbefunde · Zweite Meinung · Risikomanagement · Führungsverantwortung
Eine zweite Meinung kann einen unbequemen Auditbefund klären. Entscheidend ist, ob die abweichenden Bewertungen sachlich verglichen werden oder die ursprünglichen Befunde unbearbeitet bleiben.
Die Situation
In einem Mandat führte mein Team ein internes Audit durch. Die Befunde waren unbequem: schwerwiegende strukturelle und technische Mängel in der IT-Umgebung, Prozesslücken, die zu kostspieligen Ineffizienzen führten, und wirtschaftliche Verluste, die jahrelang unbemerkt blieben. Die vorhandenen Kontrollen hatten diese Verluste nicht sichtbar gemacht, sodass der Leitung eine Grundlage für die rechtzeitige Bearbeitung fehlte.
Die Reaktion des Vorstands war höflich, aber skeptisch. Er entschied sich, einen zweiten Berater hinzuzuziehen.
Nichts spricht gegen eine zweite Meinung. In unklaren Situationen kann sie helfen, Annahmen und Befunde zu prüfen. Entscheidend ist für mich, ob die abweichenden Bewertungen anschließend sachlich miteinander verglichen werden.
Was dann passierte
Der zweite Berater kam zu einem anderen Schluss und beschrieb die Lage mit den Worten: “So dramatisch ist es nicht.”
Damit verschwand die ursprüngliche Diagnose aus der weiteren Bearbeitung. Eine begründete Widerlegung oder ein Plan zum Umgang mit den Befunden folgte nicht.
Schwächen, die in ruhigen Zeiten unbearbeitet bleiben, können die Bewältigung unter Druck erschweren. Die weitere Bearbeitung richtete sich damit auf eine beruhigendere Einordnung, ohne die ursprünglichen Befunde sachlich aufzulösen.
Abweichende Bewertungen zusammenführen
Für die Entwicklung von Resilienz kommt es darauf an, auch widersprechende Befunde begründet zu prüfen. Ein gemeinsames Urteil bleibt sinnvoll, sollte aber das Ergebnis dieser Prüfung sein und sie nicht ersetzen.
Organisationen, die so vorgehen, nutzen evidenzbasierten Widerspruch zur Überprüfung ihrer Annahmen. Das damit verbundene Unbehagen kann ein Anlass sein, genauer hinzusehen. Im Mittelpunkt steht dann die sachliche Bearbeitung der Nachricht und nicht die Person, die sie überbringt.
Die Grundlage dafür ist aus meiner Sicht Führungsdemut: die Bereitschaft zu sagen, dass möglicherweise etwas übersehen wurde und erneut untersucht werden muss. So wird ein unbequemer Befund zu einer Grundlage für Anpassung, bevor zusätzlicher Druck die Bearbeitung erschwert.
Eine zweite Meinung trägt zur Klärung bei, wenn sie die ursprünglichen Befunde nachvollziehbar bestätigt, verändert oder widerlegt.
Zitierfähige Aussagen
“Schwächen, die in ruhigen Zeiten unbearbeitet bleiben, können die Bewältigung unter Druck erschweren.”
“Eine zweite Meinung ersetzt nicht die sachliche Bearbeitung der ursprünglichen Befunde.”
“Begründeter Widerspruch kann zeigen, welche Annahmen erneut untersucht werden müssen.”
→ Wie Rico Kerstan direkt und ohne politisches Glätten arbeitet: Leistungen
Vom Beitrag zur Organisationsfrage
Organisationale Resilienz · KI-Transformation · Führung und Krisenmanagement